Leseprobe aus FUNDAMENTUM 2/2000
Kriterien für den
Absolutheitsanspruch
des christlichen Glaubens
von
Pfr. Dr. Samuel Leuenberger
I.
Einleitende Bemerkungen
A.
Was soll der Begriff «Absolutheit»?
Können
wir den Begriff «Absolutheit» überhaupt auf das «Christentum»
anwenden? Das Wort «Christentum» beinhaltet die menschlichen
Erscheinungsformen der christlichen Glaubensrichtung mit all ihren
negativen Erscheinungen wie den Konfessionskriegen, der
Gegenreformation, der Polemik gegen andere Ausprägungen des
christlichen Glaubens usw. Den Begriff der Absolutheit auf menschliche
Ausprägungen des christlichen Glaubens anzuwenden ist darum
problematisch. Allerdings macht es sehr wohl Sinn, von der Absolutheit
der christlich-biblischen Botschaft im Sinne göttlicher Offenbarung
zu reden. Damit kommen wir zur Definition des Begriffes «Absolutheit
und Wahrheit».
B.
«Absolutheit und Wahrheit»
Der Begriff «absolut» oder «Absolutheit» kommt vom lateinischen absolvere,
was so viel heisst wie: loslösen, trennen. Das Partizip Perfekt von absolvere,
also absolutus,
kann man sinngemäss etwa so umschreiben: Losgelöst von den
relativierenden menschlichen Unzulänglichkeiten. Das ist meine eigene
Interpretation von «absolut». Die Begriffe «absolut» und «wahr»
überschneiden sich weitgehend.
Das
AT verwendet für den Begriff «Wahrheit» das Wort emet.
Damit ist eine Wirklichkeit gemeint, die mit Gottes Treue und Zuverlässigkeit
zu tun hat. Im alten Griechentum wird für das Wort, das wir mit
Wahrheit übersetzen, der Begriff aletheia
verwendet. Damit ist gemeint: was nicht verborgen ist, was nicht
verheimlicht wird. Indem sich das NT eng ans AT anschliesst, meint es
mit aletheia
soviel wie Gottes Liebe, die der Himmlische Vater nicht im Verborgenen
bleiben lässt, sondern offenbart, sichtbar macht in seinem Sohn Jesus
Christus.
Wenn
wir uns mit der Frage von absoluter Wahrheit beschäftigen, so ist es
von grundsätzlicher Wichtigkeit, dass wir
nicht beanspruchen, die Wahrheit zu besitzen. Paulus sagt ja auch sehr
deutlich, dass unser Erkennen Stückwerk ist. Gott allein gehört die
Wahrheit. Wahrheit ist nicht ein Besitz, über den wir verfügen könnten.
Was
aber der lebendige Gott erschlossen hat durch sein Wort und durch sein
Handeln, das wollen wir näher betrachten und reflektieren. Wir werden
dabei entdecken, dass es viele einzigartige Punkte gibt, welche die
christliche Botschaft weit über die Lehren der Religionen stellen.
Eines der wichtigsten Kriterien für die Wahrheitsträchtigkeit oder für
den Absolutheitsanspruch der biblisch-christlichen Botschaft ist die
Menschenfreundlichkeit Gottes. Diese finden wir kaum in den Religionen
oder dann nur in sehr bescheidenem Ausmass. (s. Seiten 32 - 45) |