Jahrestreffen 7. Juni 2010

Ein Bericht von Fritz Imhof

Der Wettkampf zweier Weltreligionen
Der Atheismus – der Islam – oder das Christentum? Drei Kräfte im Wettbewerb um die Köpfe und Seelen der Weltbevölkerung. Wer gewinnt? Der international tätige Theologieprofessor und Religionsforscher Thomas Schirrmacher sprach dazu am Ehemaligentreffen zum 40-jährigen Bestehen der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH Basel) am 7. Juni 2010. Der Islam und das Christentum liefern sich ein Rennen um die Seelen der Menschen weltweit. Beide wachsen schneller als die Weltbevölkerung (1,2% pro Jahr). Der Islam legt jährlich um 1,9% zu, das Christentum „nur“ um 1,5%, da das Wachstum im Süden die Abnahme der Christen im Norden kompensieren muss. Evangelikale und Pfingstler wachsen mit ca. 2,5% pro Jahr überdurchschnittlich.
Für Professor Schirrmacher ist zweierlei klar: Die später von Peter Berger selbst widerrufene Säkularismusthese, wonach die Religion sich weltweit zurückzieht, hat sich klar als falsch erweisen. Heute findet vielmehr ein Wettbewerb im Wachstum der beiden Weltreligionen Islam und Christentum statt. Der Atheismus dagegen, der seinen Schwerpunkt an den Universitäten und in den Medien Europas hat, ist eindeutig auf dem Rückzug, obwohl er sich nach wie vor die Machtmittel Bildung und Medien bedienen könne. In Europa ist laut Beobachtung Schirrmachers ein interessanter Wandel im Gange. Während sich Personen des öffentlichen Lebens noch vor 10 Jahren scheuten, sich als religiöse Menschen zu bezeichnen, gehöre es in Politik und Wirtschaft heute zum guten Ton, sich zu einem Glauben mit ethischen Werten zu bekennen. In Deutschland gebe es heute einen Arbeitskreis „Christen in der FDP“ und seit fünf Jahren die „Christen in der SPD“. Die CDU ihrerseits betone neu die Wichtigkeit des „C“. In Spitzengremien der Wirtschaft seien die Christen übervertreten.
Die Atheisten müssten demgegenüber laufend Stellungen preisgeben. Den philosophischen Atheismus gebe es ausserhalb der Universitätsmauern kaum noch. Parallel dazu verlören die Atheisten die meisten Diskussionen um Gottesbeweise und die Existenz Gottes. Daher hätten sie ihre Strategie gewechselt und klagten heute die Religionen an, für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich zu sein. Weil keine Religion ohne schwarze Flecken sei, fänden diese Angriffe bei den Leuten eine gewisse Resonanz.

Abschied von der liberalen Theologie
Parallel zum Rückzug des Atheismus befinde sich auch die liberale Theologie auf dem Rückzug, so Schirrmacher. Insbesondere in den USA würden liberale Theologen reihenweise durch Evangelikale ersetzt. Diese von oben gesteuerte Wende drücke sich auch in öffentlichen Diskussionen aus.„Heute bekommt kein Bischof mehr Applaus, weil er die Existenz Gottes leugnet“, illustrierte Schirrmacher diese Trendwende. Parallel dazu verstärke der Ökumenische Rat der Kirchen den Kontakt zu den Evangelikalen und Pfingstlern, weil diese immer mehr Führungsfunktionen auch in den ökumenischen Kirchen einnähmen. Europa befindet sich noch in einer vom Atheismus dominierten Phase, in der bereits eine neue religiöse Kultur vor der Tür stehe. Schirrmacher berief sich wiederum auf Peter Berger, der inzwischen die Säkularismusthese aufgegeben habe: Europa wird wieder religiös, es wird entweder zum (evangelikalen) Christentum schwenken oder dann zum Islam. Die erste Variante wäre für Schirrmacher durch eine Erweckung denkbar. Die Voraussetzungen dazu bestünden durchaus, sagte der Religionswissenschafter.

Die Hausaufgabe
Leider hätten die Christen die missionarische Chance unter den eingewanderten Muslimen verschlafen, bedauerte Schirrmacher. Die Evangelikalen gehörten zu den wenigen Europäern, die mit Muslimen ein Gespräch über den Glauben führen könnten. Sie müssten sich dazu auf die gute Tradition der Gastfreundschaft besinnen und diese den Muslimen anbieten. Für diese bedeute eine persönliche Einladung ins Haus von Christen sehr viel. Wenn sie merkten, dass man in wesentlichen Positionen wie Schöpfung oder Homosexualität übereinstimme, sei der
Einstieg ins Gespräch über Islam und Christentum schnell geebnet. Schirrmacher, seines Zeichens Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, betonte ausserdem: „Man kann missionieren und sich gleichzeitig für Religionsfreiheit einsetzen.“ Gerade Evangelikale hätten die Hausaufgabe zu zeigen, wie man mit Leuten anderer Religion friedlich zusammenleben könne.