Der Genozid an den Armeniern 1915/16 im Osmanischen Reich

Semestervortrag am 21. März 2017 an der STH Basel
 
Benjamin Splitt, BTh Student
 
«Mit dem Wegfall der Instanz Gott entwickelte sich die Idee, dass der Mensch Geschichte selber machen könne.» Mit dieser These eröffnete Prof. Dr. Mihran Dabag den Semester-Vortrag an unserer Hochschule. Dabag lehrt an der Ruhr-Universität Bochum und leitet dort das Institut für Diaspora- und Genozidforschung. Seit Jahren forscht er unter anderem über den Genozid an den Armeniern, seine Ursachen und Voraussetzungen.
Hatte der Genozid religiöse Ursachen? Diese Frage wird heute unterschiedlich beantwortet, und Prof. Dabag positionierte sich mit seiner Eingangsthese sofort deutlich. Trotzdem zeigte er im Folgenden auf, dass es keinesfalls radikale Muslime waren, die den Genozid planten und anordneten. Die Anführer der politischen Bewegung der Jungtürken waren vielmehr von der westlich geprägten Idee des Nationalstaates angetrieben. Die ethnische und religiöse Heterogenität erachteten sie jedoch als eine Gefahr für einen Nationalstaat dar, weshalb die Jungtürken eine homogene Volksgemeinschaft mit gemeinsamer Sprache und Religion anstrebten. Sie träumten von einem türkischen Grossreich Turan, dessen Grenzen sich bis zur heutigen Mongolei erstrecken sollten.
Damit stellte Prof. Dabag auch deutlich hervor, dass die Ursache für den Genozid nicht im Ersten Weltkrieg gesehen werden darf. Der Mord an den Armenier sei also nicht einfach eine «Notmassnahme des Staates» gewesen, wie es heute die Türkei verlauten lässt; der Krieg habe vielmehr als willkommener Deckmantel gedient, um den Genozid durchzuführen und den Traum des türkischen Grossreiches zu verwirklichen. Wie Nationalstreben und Religion auf dem Weg zum Genozid im Verhältnis stehen und letztlich verantwortlich gemacht werden können, liess Prof. Dabag schlussendlich offen.
Prof. Dabag deutete an, dass der heutige türkische Präsident Recep Erdoğan an die Ideologie der Jungtürken anknüpft. Alleine damit wird die Relevanz des Themas für die Gegenwart deutlich. Prof. Dr. Sven Grosse, Fachbereichsleiter für Historische Theologie und Organisator dieses Vortrags, betonte, dass die STH Basel damit für die Geschichte und die gegenwärtige Situation christlicher Minderheiten im Nahen Osten sensibilisieren möchte. Dazu bot der Vortrag von Prof. Dabag in jedem Fall viel Substanz.