«Das Evangelium in einem säkularen Umfeld»

Ass.-Prof. Dr. Stefan Schweyer

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«Ob ich Christ bin oder Atheist? – Weder, noch – ich bin doch normal». So lässt sich die Grundhaltung eines säkularen Menschen beschreiben. Ein Mensch, der vergessen hat, dass er Gott vergessen hat. „Aber Gott hat den Menschen nicht vergessen“, so Ulrich Parzany an einem Gastvortrag am 24. November 2017 an der STH Basel zum Thema: «Den Säkularen ein Säkularer – Die Verkündigung des einen Evangeliums in säkularen Kontexten». Mit seiner erfrischenden Klarheit, seinem Humor und der immer noch jugendlichen Dynamik gelang es Parzany problemlos, die rund hundert Studierenden und Gäste auf eine gedankliche Reise mitzunehmen. Ein Musterbeispiel guter Theologie: Mit viel Substanz, praktischer Relevanz und einem unerschütterlichen Vertrauen in die Offenbarung Gottes.

Woran kann man anknüpfen, wenn keine christliche Tradition und kein biblisches Wissen mehr vorausgesetzt werden kann? Parzany sortiert zunächst aus, was wegfällt: Das religiöse Gefühl – das gehe nicht bei «religiös Unmusikalischen», also bei Personen, die Religion zwar nicht ablehnen, aber selber nicht daran interessiert sind. Auch die Neugier der Unwissenheit sei nicht gegeben – denn der Säkularismus in Europa zeichne sich im Unterschied zu vielen andern Teilen der Erde durch eine «feindlich ablehnende Haltung trotz totaler Ahnungslosigkeit» aus. Wäre es denn möglich, das Evangelium als Antwort auf die Bedürfnisse der Menschen anzupreisen? Auch wenn Parzany das nicht ausschliesst, will er doch nicht bei den Defiziten des Menschen ansetzen. «Wenn einer sagt: Ich bin glücklich, gratuliere ich ihm – ich unterstelle ihm nicht, dass er gar nicht wirklich glücklich ist».
Parzany dreht den Spiess um: Das Evangelium ist nicht die Antwort auf die Fragen der Menschen, sondern die Frage Gottes, die eine Antwort des Menschen provoziert. Dem «Ich brauche Gott nicht» setzt Parzany entgegen: «Gott will Dich gebrauchen». Dabei gebe es kein «religiöses Vakuum». Jeder Mensch habe einen «Gott», nämlich das, was ihm Sicherheit und Anerkennung gibt. Wenn man vom Geld Sicherheit erwarte, werde es zum Gott. Deshalb habe Jesus gesagt: «Niemand kann zwei Herren dienen: … Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon» (Matthäus 6,24). Ähnliches gelte auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn ich von meinem Mitmenschen Anerkennung erwarte, wird mir dieser Mitmensch zu Gott. Genau das sei das Problem auch mancher Beziehungskrisen: Wenn man vom Partner erwarte, was nur Gott geben kann, sei die Enttäuschung vorprogrammiert.
Parzany unterstrich diese Überlegungen mit bewegenden Episoden aus seiner reichen Lebenserfahrung. In der jahrzehntelangen Aufgabe als Evangelist hatte er zahlreiche Begegnungen mit Menschen, die man als säkular bezeichnen könnte. «Wer hier christliches Wissen voraussetzt, der hat sofort verloren». Es gehöre daher zur Aufgabe des Evangelisten, jeden Satz zu überdenken, ob er auch ohne christliches Vorwissen verständlich ist. Dabei gehe es nicht darum, Menschen zu etikettieren, sondern jeden Einzelnen ernst zu nehmen. Daher gebe es auch keine Standardmethode für Evangelisation. Viel wichtiger sei das Zuhören, das echte Interesse am einzelnen Menschen und die Liebe zu ihm als einem wertvollen Geschöpf Gottes – gepaart mit der Bereitschaft, «Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist» (1Petrus 3,15).

Der Vortrag: