Ist Gottes Gesetz ewig?

Silas Eiche, BTh-Student

Zu diesem Thema fand am 19. Oktober ein Studiennachmittag an der STH Basel statt. Hauptreferent war Dr. Joshua Berman, ordinierter Rabbi und Professor für Biblische Studien an der Bar Ilan Universität (Tel Aviv). Insbesondere die Begegnungen mit den Studierenden der STH Basel an der Pentateuchtagung im März hätten ihn dazu bewogen, wieder nach Basel zu kommen.
Den ersten der vier Vorträge hielt Berman selber, und zwar zum Tagungsthema. Diese Frage bewegt insbesondere jüdische und christliche Kreise, für welche die Bibel Richtschnur für den Glauben und das Leben ist. Berman zeigte auf, wie unser moderner Blickwinkel die Sicht auf die alttestamentlichen Gesetze trübt. Die heutige Rechtssituation ist geprägt durch das Gesetzesrecht (statutory law). Gesetze sind Grundlage der Rechtsentscheidung, und für jeden Straffall gibt es ein entsprechendes Gesetz. Dies ist jedoch eine neuzeitliche Erscheinung. Bis ins frühe 19. Jhdt. gab es ein Gewohnheitsrecht (common law). Deshalb wurden Gesetzeskodices im zweiten Jahrtausend v. Chr. nicht als Gesetzesrecht tradiert, sondern vielmehr als Fallbeispiele für eine gerechte Rechtsprechung; Dorfälteste nutzten sie im Sinne eines Gewohnheitsrechts, um neue Fälle zu richten. Im Blick auf das Alte Testament gilt auch dieses Rechtsverständnis des common law. Gott offenbart seinem Volk Fallbeispiele für Gerechtigkeit. Der heutige Leser muss in der Weisheit Gottes diese Fallbeispiele lesen und im Sinne eines Gewohnheitsrechts auf immer neue Situationen anpassen. Gottes Gesetz ist ewig, also ewig gültig im Sinn eines common law, weil es Gottes Gerechtigkeit zeigt.
Ass.-Prof. Dr. Benjamin Kilchör antwortete darauf aus alttestamentlicher Sicht unter dem Titel «Mose als der erste Ausleger des Gesetzes Gottes». Er zeigte darin komplementär zu Bermans Vortrag, wie Mose in Deuteronomium exemplarisch Gottes Gesetze aus Exodus, Leviticus und Numeri auslegt. Mose stellt in Deuteronomium nicht neue Gesetze auf, sondern wendet die Gesetze der Wüstenzeit (2. bis 4. Buch Mose) auf neue Situationen an für die Zeit, in der Israel nicht mehr in der Wüste, sondern im verheissenen Land ist. Moses erste Auslegung wird so zum Vorbild für unsere Auslegung heute.
Auf diese Vorträge aus jüdischer und christlich-alttestamentlicher Sicht antwortete Prof. Dr. Christian Stettler aus neutestamentlicher Perspektive: «Gottes Gesetz im Messianischen Zeitalter». Dabei ging Stettler darauf ein, wie Jesus in der Bergpredigt alttestamentliche Gesetze auslegte. Er zeigte, dass dies nicht wie eine rabbinische Auslegung geschah, sondern göttliche Autorität beanspruchte. Jesu Auslegung geschieht aus Sicht des Reiches Gottes, welches jetzt schon unter uns beginnt, aber eines Tages vollkommen sein wird. Aus dieser zukünftigen Perspektive seien die Auslegungen Jesu zu verstehen.
Zuletzt antwortete Prof. Dr. Harald Seubert aus Sicht der antiken Philosophie. Seubert führte dabei ins Gesetzesverständnis der griechischen Polis ein. Schon bei Platon ist nämlich die Spannung zwischen einem ewigen Rechtsgesetz und einem menschlich ausformulierten Recht zu finden. Während Platon in seiner «Politeia» die Gesetze an die ewige Idee des Guten und damit die vollkommene Gerechtigkeit bindet, geht er in seinem Spätdialog «Nomoi» über zur menschlichen Anwendung des Rechts. «Nomoi» zielt nicht mehr auf das ewig Gute, sondern auf das möglichst Beste. Das angewandte Gesetz, so wie in den «Nomoi», ist also nicht ewig. An dieser Stelle sieht Seubert die Möglichkeit einer Verständigung zwischen griechischer Philosophie und jüdischem Denken.
Die Vorträge boten viel Stoff für Diskussion und werden sicher das Denken der Studierenden weiterhin beschäftigen. Am Abend sassen noch einige Studierende mit Joshua Berman in geselliger Runde zusammen und lernten sich gegenseitig besser kennen. Die Tagung und die Begegnung mit Joshua Berman werden den Studierenden der STH Basel noch lange in guter Erinnerung bleiben!