Rückblick auf den STH-Reformationstag und den Abschluss des 47. Studienjahrs am 10. Juni 2017

Prof. Dr. Harald Seubert
 
Der diesjährige Abschluss des Studienjahres der STH Basel war der Reformation vor 500 Jahren gewidmet. Verschiedene Professoren unserer Hochschule erinnerten, unter der Moderation von Prof. Dr. Sven Grosse und Ass.-Prof. Dr. Stefan Schweyer an das Erbe der Reformation, wobei es nicht nur darum ging, die Asche zu bewahren, sondern die Glut neu zu entfachen.

Prof. em. Dr. Armin Sierszyn zeigte in seinem Beitrag, dass die gegenwärtige Kirche und Pfarrschaft vielfach ermattet ist und die Selbstsäkularisierung seit der Aufklärung so verinnerlicht hat, dass sie kaum mehr lebendiges Zeugnis gibt. Den brennenden Fragen der Gegenwart, nicht zuletzt dem Islam, steht sie deshalb hilflos gegenüber. Sierszyn diagnostizierte, dass Müdigkeit und Agonie der gegenwärtigen Kirche sich inzwischen auch existenziell in Mitgliederzahlen niederschlägt und einen Niedergang der Staaten Europas zur Folge haben müsse. Erst stirbt die Kirche, dann stirbt das Land, prognostizierte Sierszyn. Die Aufbruchskraft der Reformation, ihr unmittelbares Verhältnis zu Gottes Wort kann demgegenüber ein überzeugendes Gegengewicht bilden, ein neues Wachwerden und Bezeugen von Gottes Wort. Damit erinnerte er an essentielle Anliegen der Reformationszeit.

Prof. Dr. Johannes Schwanke legte den Akzent daran anknüpfend auf die Innenperspektive: Er ging von dem bezeugten Lutherwort auf dem Wormser Reichstag aus: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!» So bedeutsam dieses reformatorische Zeugnis ist, so sehr hat seine Nachahmung, wie Schwanke zeigte, innerhalb des Protestantismus subjektivistische Sonderlehren und Spaltungen begünstigt. Mit jeder Erneuerung im Protestantismus gingen auch Spaltungstendenzen einher. Der Auferstandene hält aber als sein Vermächtnis fest, dass die Glieder seiner Gemeinde alle eins sein sollen. Deshalb fragte Schwanke zu Recht nach dem Verbindenden und Einenden des evangelischen Glaubens in Lehre, Theologie und im Gottesdienst. Davon Rechenschaft ablegen zu können, werde auch für die Zukunft von großer Bedeutung sein, da eine zersplitterte Kirche auch an der Wahrheit ihrer Botschaft zweifeln lässt und gegen Gottes Gebot und Willen verstösst.

Prof. Dr. Harald Seubert widmete sich in seinem Beitrag der Lutherischen Zwei-Reiche-Lehre. Sie unterscheidet Glauben und Politik. Beide zu verwechseln, wie in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts ist, wie Seubert erklärte, ein «diabolischer Akt». Es gilt, im Sinne Dietrich Bonhoeffers das Letzte, das Reich Gottes, und das Vorletzte, die Reiche dieser Welt, voneinander zu unterscheiden. Seubert zeigte, dass die Zwei-Reiche-Lehre aber nicht zu einem religionsneutralen und laizistischen Staat führt und dass der Christ durchaus ein innerweltliches politisches Mandat hat. Demokratie und freie Marktwirtschaft sind bei allem Ungenügen im Einzelnen gute Voraussetzungen, dass sich Christen in der Politik ohne Bedenken engagieren können. Luthers Zwei-Reiche-Lehre bereitet die von Max Weber im 20. Jahrhundert getroffene Unterscheidung zwischen dem Gesinnungsethiker, der seine Zielsetzungen in Reinheit durchhalten will, und dem Verantwortungsethiker, der weiss, dass er schuldig werden wird, der aber mit bestem möglichen Wissen und Gewissen dennoch seine Entscheidung trifft, vor.

Die Vorträge wurden durch Gebete, gemeinsame Lieder und sehr stimmige musikalische Darbietungen der Studentinnen und Studenten ergänzt. In den Pausen gab es bei Getränken und einer schmackhaften Mahlzeit gute Gelegenheit, das Gehörte weiter zu besprechen, oder sich in gemeinsamen Geist zu begegnen und sich miteinander auszutauschen. Die Gemeinschaft zwischen Freunden, Lehrenden und Lernenden konnte wieder in Vertrauen und Einvernehmen gepflegt werden. Das strahlende Riehener Sommerwetter trug weiter zum Gelingen des Tages bei. Am Nachmittag stellten sich dann die Exegeten der STH Basel dem Reformationsjubiläum.

Ass.-Prof. Dr. Benjamin Kilchör ging der Frage nach, wie das Alte Testament Teil der christlichen Bibel ist. Seit der Antike ist dieser kanonische Charakter immer wieder – vor allem von schriftkritischen und liberalen Theologen – bestritten worden. Kilchör wies darauf hin, dass nicht nur einzelne Zeugnisse, sondern das Alte Testament im Ganzen, für christliche Theologie und Kirche Verheissung und Christuszeugnis ist. Auferstehung und Erhöhung zum Thron Gottes stehen in Übereinstimmung mit dem alttestamentlichen Zeugnis. Deshalb muss man wissen: «Folgen wir dem Trend der modernen Theologie, die im Alten Testament Christus nicht mehr finden kann, so verlieren wir beides, das Alte Testament und Christus».

Der Rektor der STH Basel, Prof. Dr. Jacob Thiessen, schloss seinen Vortrag an den Imperativ «Predige das Wort» (2. Tim 4,2) an. Er zeigte, dass die Reformatoren die Erneuerung des Glaubens aus dem Wort Gottes und der Predigt erwarteten. Bereits nach Paulus – so Thiessen – sei das Wort Gottes, die Grundlage für einen gesunden Glauben, der weder durch übertriebene Festlegungen noch durch Nachlässigkeit von der Bibel abweicht. Paulus gebraucht in Kol 2,4 das Verb «para-logizomai» (sich verrechnen, falsche Schlüsse ziehen) zur Kennzeichnung von diversen Abweichungen vom Wort Gottes.

Der STH-Reformationstag gab in vielfältiger Weise Einblick in die Arbeit der Hochschule. Er schloss die Ringvorlesung zum Reformationsjubiläum ab, die im Laufe des Frühjahrssemesters in zweiwöchigem Turnus stattgefunden hatte. Dabei zeigte sich, wie frisch und neu die Einsichten der Reformatoren bis heute geblieben sind. Sie sind allerdings Menschen- und nicht Gotteswort. Eine reformatorische Theologie auf der Grundlage des Wortes Gottes steht insofern in der Tradition der Reformation. Doch vor allem ist sie Gottes Wort und dem Zentrum des Glaubens an Jesus Christus verpflichtet. Bei allen unterschiedlichen Akzentuierungen trat diese verbindende Macht in allen Beiträgen und auch in den Begegnungen an diesem Abschluss des 47. Studienjahres der STH Basel deutlich hervor.

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